Gastbeitrag: Warum Print-Journalisten keine Online-Experten sind

30. März 2010 | von Uwe Tippmann

Was Text im Web bedeutet: Eine Streitschrift und Aufforderung

Schreiben kann jeder. Klar. Machen wir alle jeden Tag – jetzt gerade. Und schon wieder. Da. Doch: schreiben ist nicht schreiben und das Internet ist Text. Mal ganz übertrieben gesagt. Tatsächlich ist schreiben für das Internet eine neue Facette einer sehr alten Kunst. Und, um es gleich deutlich zu sagen: Web ist nicht Print.

Klingt komisch, ist es aber nicht, denn die Anforderungen sind wirklich neu – Webtexte haben andere Qualitäten und andere Ansprüche. An Schreiber, an die Leser und speziell für die Suchmaschinen. Hier entstehen plötzlich neue Herausforderungen, die traditionelle Offline-Print-Redakteure meist nicht lösen können. Und für die sie auch nur schwer über den Schatten zu springen bereit sind. Beispiel? Gerne: Eine tolle, gefällige, gar packende Überschrift – Königsdisziplin beim Print – kann im Web komplett unbrauchbar sein, wenn sie keine Keywords enthält.

Immer wieder stößt man auf Webseiten, die scheinbar aktuell sind (auch, und vor allem bei Tageszeitungen), die aber am Ende des Tages nicht gefunden, nicht indiziert werden – geschweige denn topaktuell von Google-News. Was fehlt, ist das Verständnis der Beteiligten fürs Medium. Internet muss man leben, durch und durch. Und das ist nicht ohne. Eine mir bekannte Zeitungsgruppe hat sich jahrelang dem Medium komplett verschlossen und dann so mir nicht dir nichts vier Print-Redakteure „versetzt“. Resultat? Mau. Leider fehlt am Ende die Denke, immer wieder schön erkennbar an Blocksatz im einführenden Absatz. Blocksatz ist Print.

Redaktionssysteme können nicht alles

Klar, viele moderne Redaktionssysteme, CMS oder Blogs automatisieren wichtige Einträge für Title-Tags, H1- oder H2-Überschriften bereits weitgehend. Doch was nützt das, wenn sich die Schreiber nicht überlegen, wonach potenzielle Leser eigentlich suchen. Wenn dann die vom System übernommene Überschrift nur elegante, gar clevere Formulierungen mit feinen Alliterationen enthält, ist das Ziel noch lange nicht erreicht. Hier gilt zu überlegen – man kann es nicht oft genug wiederholen – was suchende Leser wohl beim Suchgiganten Google eingeben. Hat man das, dann hat man auch eine Überschrift.

Natürlich muss das nicht platt sein, kann man durchaus auf einen Long-Lead-Effekt setzen, in dem die Keywords geschärft werden, Phrasen formuliert und Kombinationen geprüft werden. Nur machen muss man es. Alles andere ist unverzeihlich und einfach nicht zielführend.

Aber mal weiter gedacht: das passiert ja nicht nur in Online-Redaktionen. Ein paar SEO-Basics scheinen auch für Web-Designer und Agenturen immer noch ein Zauberball, eine Art Kristallkugel zu sein, in die man nur ungerne einen gewagten Blick wirft. In meiner Arbeit als Web- und Werbetexter sitze ich nur allzu oft mit dem Kunden und der Web-Agentur und „kämpfe“ gegen das Unwissen. Wohlgemerkt, ich bin kein SEO-Mann, aber ich informiere mich durch Artikel und Blogs, permanent – höre Alan Webb zu, wann immer ich kann und nehme dabei so viele aktuelle Infos mit wie es geht.

Warum also muss mich trotzdem streiten, ob der Metatag „Keywords“ noch sein muss oder nicht? Warum muss ich insistieren, dass der Tag „Description“ gut gefüllt wird (möglichst natürlich Seite für Seite individuell und mit Keywords für die SERPs versehen)? Und, ob es Sinn macht „Speaking URLs“ zu nutzen, bei Title Tags nicht die Firma nach vorne zu nehmen und ernsthaft argumentieren, dass „Startseite“ eben kein solcher Tag ist?

Klassischen Agenturen fehlt häufig das Fachwissen

Oft noch schlimmer ist es bei klassischen Agenturen, die ihren Kunden nach wie vor Web-Monster statt gut aufgestellte Seiten bauen. Dort ist das Defizit meist noch viel größer – ist schlicht und einfach „Web“ mit Text, mit Design und Usability nur unter „ferner liefen“ zu finden. Aber es gibt eben immer noch Werber, die glauben, dass „schicke“ Bilder, Grafiken und Flashanimationen Entscheidendes für ihre Seiten tun und nicht zu begreifen scheinen, dass so etwas eben ausschließlich für die Menschen aber nicht für die Suchmaschinen ist. Und da sind wir wieder: Internet ist Text.

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Ein Gastbeitrag von Thomas M. Ruthemann. Er ist freiberuflicher PR-Redakteur und Werbetexter und bearbeitet seit Jahren ein breites Spektrum an Themen im Werbebereich mit einer besondere Interessenlage für Internet-Themen wie Web-Text und e-Business im B2C und B2B.


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